Kohle statt Komfort
Unsanierte Wohnungen liegen im Trend. Doch in Dresden sind sie kaum noch zu haben.
Der 29-Jährige ist im Januar von Leipzig nach Dresden gezogen. Seine Freundin Katrina erwartet ein Baby und möchte hinterherziehen. Aber Kohlen statt Komfort? Auch Lapp ist davon überzeugt: „In unsanierten Wohnungen ist die Hausgemeinschaft oft angenehmer, weniger anonym. Vielleicht schweißt das gemeinsame Kohleschippen zusammen“, so die 28-Jährige.
Kaum Angebote online
Das Paar hat nur ein Problem: Ihre Wunsch-WG in Leipzig war schnell gefunden, in Dresden suchen sie bereits seit vier Monaten nach einer passenden Bleibe. „Unsanierte Wohnungen werden oft unter der Hand weitervermietet. Und in Internetportalen findet man kaum Angebote “, sagt Munder. Dabei sei er gar nicht auf einen Stadtteil geeicht, in Pieschen, Trachenberge Nord und in Striesen hätten sie sich bereits Wohnungen angeschaut.
Nach Schätzungen der TU Dresden waren 2008 von den damals rund 292600 Wohnungen in Dresden noch 11Prozent unsaniert, weitere zwei Prozent in einem ruinösen Zustand. Von Wohnungsleerstand betroffen waren vor allem Altbauten: Etwa 43 Prozent des Leerstands befand sich in Wohnungen, die bis 1918 errichtet wurden. Belastbare aktuellere Zahlen gibt es nicht. Der Großvermieter Gagfah etwa erhebt diese Daten nicht.
„Un- oder teilsanierten Wohnraum gibt es in Dresden kaum noch“, sagt Ronald Andraczek vom Maklerbüro M-Quadrat. „Die Bauträger suchen inzwischen krampfhaft nach Sanierbarem.“ Petra Becker vom Mieterverein beobachtet, dass der Anspruch der Mieter an den Zustand der Wohnungen eher steigt. „Es gibt allerdings ein bestimmtes Klientel, das sich für unsanierten, preiswerten Wohnraum interessiert, etwa Studenten.“
Auch Karolin Hentschel sucht noch nach einer Altbauwohnung, „gerne unsaniert“. Die Studentin heizt ihre Weimarer Wohnung mit Kohle und hat entsprechend pragmatischere Gründe als das Paar aus Leipzig. „Solche Wohnungen sind einfach günstiger, und man muss sich nicht bei jedem neuen Loch in der Wand Gedanken machen“, sagt sie.
Diesen Kostenvorteil sieht Makler Andraczek hingegen nicht: „Der Mietmarkt in Dresden ist ein Vermietermarkt, selbst unsanierter Wohnraum ist inzwischen mit Quadratmeterpreisen von vier bis 4,50 Euro dabei.“ Auch Petra Becker beobachtet gerade im un- oder teilsanierten Bereich hohe Preissteigerungen. „Diese paradoxe Situation kommt zustande, weil dort hohe Mieterfluktuation herrscht. Bei Neuvermietungen werden höhere Abschlüsse erreicht, als es für Bestandsmieten gilt.“ Hentschel hat online eine Anzeige geschaltet und durchforstet das Netz, über Makler ist sie gar nicht erst gegangen: „Auch von Freunden bekomme ich Tipps, wo was leersteht. Aber oft werden die Wohnungen gar nicht mehr vermietet, weil sie saniert werden sollen.“
Konkurrenz bei Besichtigung
Kommt doch ein Besichtigungstermin zustande, ist die Konkurrenz groß. Katrina Lapp und Matthias Munder sahen sich zuletzt zehn Interessenten gegenüber. Dafür gab es „fünf Schichten Laminat, das Bad in der Küche, aber den Blick auf die Martin-Luther-Kirche“, sagt Lapp. Die beiden haben trotzdem die Hoffnung nicht aufgegeben, bald etwas zu finden. „Wir können ja den Babybonus geltend machen.“


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